Ibrahim und Ismail

Ibrahim und Sarah wurden alt, aber sie hatten keine Kinder, obwohl sie sich sehr Kinder wünschten und Allah versprochen hatte, Ibrahim zum Stammvater eines großen Volkes zu machen. Als sie eines Tages traurig daran dachten, wie schön es doch wäre, wenn sie wenigstens ein Kind hätten, sprach Sarah: „Warum heiratest du nicht Hagar als zweite Frau? Sie ist eine gute Frau, und vielleicht bekommt sie Kinder."
So geschah es dann auch. Ibrahim heiratete Hagar, und nach einiger Zeit wurde ein Sohn geboren, den sie Ismail nannten.


Zu dieser Zeit befand sich Ibrahim mit seiner Familie auf der Reise nach Süden, die alte Karawanenstraße nach Jemen entlang. Dort, wo heute Mekka liegt, hatte Adam einst Hawwa wiedergetroffen. Er hatte die Offenbarung erhalten und das erste Gebetshaus für die Menschen gebaut. Nun aber gab es dort nichts als kahle, wasserlose Wüste. Dennoch befahl Allah Ibrahim, seine Frau Hagar und seinen kleinen Sohn Ismail an dieser Stelle zurückzulassen, damit durch sie der Ort wieder bewohnt würde. Im Vertrauen darauf, dass Allah für die beiden sorgen würde, zog Ibrahim weiter, wobei er betete:
„Mein Herr, mache aus diesem Platz einen Ort der Sicherheit, und gib seinen Bewohnern Nahrung und Früchte, soweit sie an Allah und den Tag der Auferstehung glauben." Allah erwiderte: „Auch diejenigen, die nicht glauben, will ich eine Zeitlang in Frieden leben lassen, aber dann will ich ihnen ihre Strafe zuteilen, und Verderben ist das Ziel ihres Weges."
Da saßen Mutter und Kind mitten in der Wüste, ohne einen Baum
oder Strauch in der Nähe, wo sie Schatten hätten finden können. Nicht einmal einen Brunnen gab es dort. Ja, wo sollten sie denn überhaupt Wasser finden? Unbarmherzig brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel herab, und schon fing der kleine Ismail an, vor Durst zu weinen. Die Mutter lief verzweifelt zwischen den Hügeln hin und her, um zu sehen, ob sie nicht irgendwo eine Spur von Wasser entdecken könnte. Da erschien ein Engel und sprach zu ihr: „Hab keine Angst! Allah hat schon für dich und dein Kind gesorgt."
Und richtig, wo der kleine Ismail lag, sprudelte eine Quelle aus
dem Boden hervor, so dass die beiden davon trinken konnten. Diese
Quelle gibt es bis heute, es ist der Brunnen Zamzam.
Nicht lange darauf kam eine Karawane vorbei. Die Leute waren überrascht, an dieser verlassenen Stelle nicht nur eine Quelle, sondern auch eine Frau mit einem kleinen Jungen zu finden. Sie hielten an, um Rast zu halten, und einige beschlossen sogar, an der Quelle ihre Zelte aufzuschlagen und dort wohnenzubleiben. Als Ibrahim nach einiger Zeit wiederkam, traf er nicht nur Frau und Sohn wohlbehalten an, sondern fand eine ganz neue Stadt vor. Denn die reisenden Kaufleute waren froh, mitten auf ihrem weiten Weg einen angenehmen Rastplatz zu finden, und manche tauschten ihre Waren schon hier oder siedelten sich in diesem Tal an. So entstand die Stadt Mekka.
Bis heute laufen die Pilger siebenmal zwischen den Hügeln Safa und
Marwa hin und her und denken dabei an Ismail und seine Mutter, und später trinken sie Wasser aus dem Brunnen Zamzam. Nun war es bekannt, dass Ibrahim Allahs Freund war und Ihn mehr liebte als alles in der Welt. Er liebte sicher auch seine Familie, ja sogar seinen ungläubigen Vater, und seinen kleinen Sohn Ismail liebte er noch mehr. Aber Allah wollte vor der ganzen Welt zeigen, dass Ibrahim Allah noch weit mehr liebte als seinen einzigen Sohn. Als daher
Ismail alt genug war, um mit seinem Vater reisen zu können, befahl Allah Ibrahim im Traum, Ismail zu opfern. Am nächsten Morgen sprach Ibrahim zu Ismail: „Mein lieber Sohn, Allah hat mir befohlen, dich zu opfern. Was meinst zu dazu?" Und der Junge sprach: „Vater, tu, was Allah dir befohlen hat, und ich will mir Mühe geben, standhaft zu sein." Da sprach Ibrahim zu Hagar: „Zieh Ismail die besten Kleider an, denn wir wollen einen lieben Freund besuchen gehen." Dann nahmen sie Abschied von der Mutter und wanderten, bis sie an einen bestimmten Berg kamen.
Unterwegs aber lauerte der Teufel. Der hatte sich schon lange
geärgert, dass er Ibrahim nicht von seinem Glauben abbringen und nicht einmal falsche Gedanken einflüstern konnte. Nun meinte er, Ibrahim hätte nach diesem schweren Beschluß, seinen einzigen Sohn zu opfern, vielleicht Zweifel in seinem Herzen. Er sprach zu Ismail:
„Wo gehst du hin? Du bist doch noch viel zu jung zum Sterben", und zu Ibrahim sprach er: „Das'kann doch wohl nicht richtig sein. Wie kann Allah einen so unmenschlichen Befehl geben, und noch dazu
seinem Freund?" Aber Ibrahim und Ismail wußten mit Gewißheit, daß
Allah das Beste für die Menschen vorhat, und dass Er sie ebenso liebte wie sie Ihn. Mit Steinen vertrieben sie den Verführer, und er verschwand. Endlich gelangten sie auf den Berggipfel, und Ibrahim legte Ismail auf einen Stein und zog sein Messer heraus, um ihn zu töten. Aber das Messer konnte mit einem Mal nicht schneiden, und Allah sprach zu Ibrahim: „Ibrahim! Du hast deine Mission schon erfüllt. Dies war in Wirklichkeit eine Prüfung." Und als Ibrahim seinen Sohn freigelassen hatte, fanden sie im nahen Gebüsch ein
Schaf. Das opferten sie an Ismails Stelle.
Zur Erinnerung an diese Geschichte feiern die Muslime jedes Jahr das Opferfest. Viele Tausende von ihnen befinden sich zu dieser Zeit in Mekka, wo Ibrahim und Ismail damals lebten. Wer es kann, schlachtet ein Schaf und verteilt das Fleisch an die Armen und an Freunde und Verwandte.
Ibrahim ist ein Beispiel für die Menschen und, wie im Koran zu lesen
ist, ein Imam für alle Völker. Ibrahims Liebe zu Allah ist der wahre
Islam. Und wer kann ein besserer Freund sein als Allah?

 

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