Allah rettet Musa vor dem Pharao

Yusuf und seine Brüder hatten Kinder und Enkelkinder. Sie wur- den alt und starben, aber ihre Nachkommen blieben in Ägypten und wurden zu einem großen Volk. Sie nannten sich Bani Israel (Kinder von Israel), nach ihrem Stammvater Yakub, der auch Israel hieß. So vergingen die Jahrzehnte und Jahrhunderte. Längst war auch eine neue Königsfamilie an die Macht gekommen, und längst erinnerte sich niemand mehr daran, wie Yusuf einst mit Allahs Hilfe das Land vor einer Hungersnot bewahrt hatte. Die Ägypter fingen an, die Bani Israel zu hassen, weil sie eine andere Sprache und Lebensweise hatten. Der Pharao behandelte die Bani Israel als seine Sklaven, und immer, wenn er eine neue Stadt, einen Palast oder einen Tempel bauen wollte, ließ er sie hart arbeiten und machte ihnen auch sonst das Leben schwer. Aber wie Allah schon vor langer Zeit Seinem Gesandten Ibrahim versprochen hatte, ließ Er die Bani Israel zu einem großen Volk werden. Schon bald fing der Pharao an, sich insgeheim vor den Fremden zu fürchten, denn er meinte, sie könnten ihn eines Tages vom Thron stürzen.

Ohnehin hatte er große Angst um seine Macht, denn auch das ägyptische Volk hatte unter seiner Tyrannei sehr zu leiden und hätte sich jederzeit in einem Volksaufstand gegen ihn auflehnen können. Aber der Pharao hatte schon vorsorglich das Volk in Parteien geteilt und gegeneinander aufgehetzt, so dass sie durch ihre ständige Uneinigkeit keine Zeit hatten, über die Unge- rechtigkeit im Land nachzudenken. Am gefährlichsten aber er- schienen ihm die Bani Israel, denn sie weigerten sich offen, ihn an- zubeten, wie er es in seinem Größenwahnsinn von den Ägyptern verlangte. Sie beteten nur zu Allah und lebten in Frieden als Volk von Brüdern. Oft hatte er überlegt, sie aus dem Land zu vertreiben, aber dann, so fürchtete er, könnten sie sich mit seinen Feinden gegen ihn verbünden. Sie alle zu töten, wie er es am liebsten getan hätte, wagte er auch nicht, denn sie hätten sich sicher gewehrt. Darum beschloß er, das Volk langsam auszurotten, und gab Befehl, alle neugeborenen Jungen der Bani Israel zu entführen und zu
töten und nur die kleinen Mädchen am Leben zu lassen.
Als so das Leid der Bani Israel am größten war, wurde ein Junge geboren, der später als Allahs Gesandter das Volk von dem grau- samen Tyrannen befreien und ihm Allahs Gesetz überbringen sollte. Aber zunächst war der kleine Junge in größter Gefahr, denn überall lauerten die Soldaten des Pharao, um jeden neugeborenen Jungen zu töten. Die ersten paar Tage gelang es der Mutter, ihn zu verstecken, aber sie betete zu Allah um Hilfe, denn das Kind wuchs und wurde immer lebhafter.


Da gab Allah der Mutter einen Gedanken ein: „Leg das Kind in einen wasserdichten Kasten und wirf ihn in den Nil. Die Wellen werden ihn dann an den Strand treiben, und seine Freunde werden sich seiner annehmen. Sie werden ihn nicht töten." Dies tat die Mutter, und die ältere Schwester blieb heimlich am Fluß, um zu beobachten, was mit dem Brüderchen geschah.
Bald schwemmte der Fluß den Kasten in ein Schilfdickicht. Und kurze Zeit später stieg vom königlichen Palast die Frau des Pharao zum Fluß hinunter. Sie ging geradewegs ins Schilf, um zu baden und dabei nicht von jedem gesehen zu werden.
Plötzlich hörte sie ein kleines Kind schreien, und als sie dem merk-
würdigen Laut nachging, fand sie den Kasten mit dem Baby darin. Wie mochte das Baby mit dem Kasten ins Schilf gekommen sein? Sofort fühlte sie Mitleid in sich aufsteigen, denn sie hatte ein gutes Herz. Sie nahm den kleinen Jungen aus dem Kasten und trug ihn
in den königlichen Palast.
Als der Pharao seine Frau mit einem kleinen Baby im Arm daher- kommen sah, fragte er: „Was ist denn das für ein Kind?" „Ich habe es im Nil gefunden", antwortete die Frau, und als sie seinen zorni- gen Blick bemerkte, fügte sie schnell hinzu: „Ich habe es liebge- wonnen, und auch dir wird es sicher Freude machen, darum töte
es nicht. Vielleicht bringt es uns Glück, und wir können es ja an
Kindes Statt annehmen."
Da sie selbst keine Kinder hatten, stimmte der Pharao schließlich nur unwillig zu. Mit großer Freude behielt seine Frau den Jungen bei sich und nannte ihn Musa. Nun galt es, eine Kinderfrau für Musa zu finden. Die Königin ließ überall verkünden, dass sie eine Kinderfrau suchte. Aber sobald sie eine Frau in Dienst nahm, fing das Baby an zu weinen und wollte sich nicht füttern lassen.
Das alles hatte Musas Schwester beobachtet. Schließlich ging sie selbst zu der Königin und sprach: „Soll ich eine Kinderfrau für den Kleinen finden?" Die Königin war einverstanden, denn sie machte sich große Sorgen um das Findelkind, das sie in ihr Herz
geschlossen hatte, und Musas Schwester beeilte sich und holte ihre eigene Mutter. Diesmal weinte der kleine Musa nicht, als die Mut ter ihn in die Arme nahm und fütterte. So lenkte Allah, dass er
trotz der drohenden Gefahr bei seiner eigenen Mutter bleiben
konnte, während er am Königshof heranwuchs.
Als der Junge größer wurde, suchte der Pharao die besten Lehrer und Erzieher für ihn aus. Bei ihnen lernte Musa alle damals be- kannten Wissenschaften, wie es sich für einen ägyptischen Prinzen gehörte. Musa war außerordentlich klug und lernte schnell, aber
er durchschaute auch, wie die Fürsten und Götzenpriester das
Volk betrogen und unterdrückten. Wie Sklaven mußten die Bauern in der Hitze auf ihren Feldern arbeiten und dennoch fast ihre
ganze Ernte dem König abliefern, bis sie selbst kaum noch etwas
zu essen hatten. Musa sah auch, wie die Bani Israel unterdrückt und ihre Kinder getötet wurden. Insgeheim hatte er längst er- fahren, dass er selbst aus diesem Volk stammte und vor welchem grausamen Schicksal Allah ihn so wunderbar bewahrt hatte. Er beteiligte sich auch nicht an der ägyptischen Götzendienerei, und
da er selbst als ein Mitglied der königlichen Familie angesehen wur-
de, verlangte auch niemand von ihm, dass er den Pharao anbetete. Eines Tages entkam Musa seinen Lehrern und Erziehern und schlüpfte aus dem Palast, um unbeaufsichtigt in der Stadt herum- zustreifen. Da erblickte er zwei Männer, die miteinander stritten. Einer von ihnen war ein Ägypter und der andere ein Mann von den Bani Israel, und es stellte sich bald heraus, dass der Ägypter der Stärkere war. Der Mann von den Bani Israel rief daher Musa zu Hilfe, und Musa schlug den Ägypter, um den schwächeren Mann zu befreien. Aber er hatte wohl zu hart zugeschlagen, denn der Ägypter fiel um und war auf der Stelle tot.
Das hatte Musa nicht gewollt. Er hatte ja nur dem Mann aus seinem eigenen Volk helfen wollen. Er betete zu Allah um Vergebung und sprach: ,,0 mein Herr, nachdem Du mir Deine Gnade ge- schenkt hast, will ich nie wieder jemandem helfen, bevor ich weiß, ob er im Recht oder im Unrecht ist. Einen Streit kann man nicht schlichten, indem man unüberlegt zuschlägt."
Nicht lange danach gelang es ihm wieder, aus dem Palast zu ent-
kommen, und als er durch die Stadt ging, traf er den Mann wieder, der ihn tags zuvor um Hilfe gegen den Ägypter gebeten hatte. Wie- der stritt dieser mit einem ägyptischen Mann, doch als er diesmal um Hilfe rief, antwortete Musa: ,,Du fängst überall Streit an."
Aber bald sah er, dass der Ägypter im Unrecht war, und er kam näher, um die beiden Streitenden auseinanderzubringen. „Willst du mich auch umbringen wie den Mann gestern?" fragte der Ägypter da. „Du willst wohl ein Gewalttäter hier im Lande wer- den, unter dem Vorwand, für Gerechtigkeit zu sorgen."
Da wußte Musa, dass er tags zuvor beobachtet worden war. Zwar
war er verkleidet, so dass ihn niemand als königlichen Prinzen er- kennen konnte, aber vielleicht war die Polizei längst auf seiner Spur. Und richtig, bald kam auch schon einer seiner Freunde aus einem entfernten Stadtviertel angelaufen, um ihn zu warnen.
„Musa", rief er, „sie suchen nach dir, um dich zu töten. Ich kann
dir nur raten, fliehe um dein Leben."
Da sah Musa, dass er nicht länger in Ägypten bleiben konnte, ohne sein Leben aufs Spiel zu setzen. Noch in der gleichen Nacht ging er heimlich fort und wanderte jahrelang durch fremde Länder.
Auf seiner Flucht aus Ägypten kam Musa nach langer Wüstenreise ins Land Madyan. Er war erschöpft und hungrig und wußte nicht, was er nun anfangen sollte. Er sprach zu sich selbst: „Ich hoffe,
daß Allah mir den richtigen Weg zeigt."
Bald kam er an einen Brunnen, wo einige Männer damit beschäf- tigt waren, das Vieh zu tränken. Etwas abseits standen zwei Mäd- chen mit ihren Schafen.
„Warum steht ihr hier?" fragte Musa die beiden Mädchen, und sie
antworteten: „Wir können unsere Schafe nicht tränken, solange diese Männer uns nicht an den Brunnen lassen, und unser Vater ist ein sehr alter Mann. Er kann nicht herkommen, um uns zu hel- fen."
Da bahnte sich Musa einen Weg zum Brunnen und half den beiden Mädchen, die Schafe zu tränken. Als sie gegangen waren, setzte er sich erschöpft in den Schatten unter einen Baum und sprach: „O mein Herr, ich bitte Dich, schick mir in meiner Not etwas Gutes." Nicht lange danach, als schon der Abend hereinbrach, sah Musa auf einmal eins der beiden Mädchen wiederkommen. Sie trat schüchtern auf ihn zu und sagte: „Mein Vater lädt dich ein, damit er sich dafür bedanken kann, dass du uns geholfen hast/'
Musa folgte dem Mädchen und kam zum Haus des alten Vaters,
der ihn herzlich willkommen hieß und bei einem reichlichen Abendessen freundlich nach seiner Herkunft fragte. Musa be- richtete, warum er aus Ägypten geflohen war und was er unter- wegs erlebt hatte, und der alte Mann sagte tröstend: „Nun brauchst du keine Angst mehr zu haben, denn du bist dem ungerechten
Volk entkommen'
Bis spät in die Nacht hinein saßen sie beisammen und beschlossen endlich, dass Musa bei ihnen bleiben sollte. Die eine Tochter des Mannes schlug vor: „Vater, du kannst ihn doch anstellen. Es ist gut, wenn ein Mann für dich arbeitet, der stark und vertrauenswür- dig ist." So trat Musa in den Dienst des alten Mannes.
Im Laufe der Zeit gewann Musa das Mädchen lieb, das ihn an je- nem Abend zum Haus ihres Vaters geführt hatte. Das war dem alten Mann gerade recht, und er sprach zu Musa: „Es wäre schön, wenn du eine meiner Töchter heiraten würdest, und zwar unter der Bedingung, dass du acht Jahre lang für mich arbeitest. Es wäre so- gar noch besser, wenn du zehn Jahre lang bleiben würdest, aber ich will es dir nicht schwer machen. Und wenn Allah will, werde ich dir ein guter Dienstherr sein."
Damit war Musa gern einverstanden, und sie schlössen einen Ver- trag.
Nach einiger Zeit heiratete Musa wie vereinbart das Mädchen und arbeitete zehn Jahre lang für seinen Schwiegervater. Aber es war ihm klar, dass er nicht sein ganzes Leben als Viehzüchter im Land Madyan verbringen, sondern jede Gelegenheit nutzen wollte, sein Wissen zu erweitern.

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